Die Geburtsastrologie und das Dogma des "Beginns"

Zwischen Wissenschaft und Divination - was ist Astrologie?
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Astro28
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Die Geburtsastrologie und das Dogma des "Beginns"

Beitrag von Astro28 »

Liebe Foris,
liebe Mitlesende,

angeregt durch die Diskussion im Thread "GZK-Software" möchte ich aufzeigen, welche Perspektiven bzw. unhinterfragten Prämissen dem Geburtshoroskop zu Grunde liegen.

Auch hier, wie im Thread "(Stunden-)Astrologie als 'Divination'", beziehe ich mich vor allem auf Geoffrey Cornelius:
The Moment of Astrology.png
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Das Geburtshoroskop wird auf den ersten Atemzug erstellt, hier ist es also ein biologisches Moment, ab dem das eigenständigen Leben des geborenen Menschen "objektiv" beginnt. Hier zeigen sich bereits Prämissen eines naturwissenschaftlichen Denkens, nach dem es einen objektiven Beginn stets festzustellen gibt. Ptolemäus, auf dessen Schultern die abendländische Astrologie sich gründet, verfolgt diese Prämisse konsequent: mit dem Verständnis des Zeitbegriffes von Aristoteles (Zeit = Bewegung, hat einen Anfang und ein Ende) und dessen empirische Weltanschauung, konzipiert er die Astrologie als "Naturwissenschaft", ohne dies explizit auszusprechen. Deutlich wird es nur indirekt in seiner Tetrabiblos, da er die Deutung der Gestirne stets mit der Deutung von meteorologischen Phänomenen vermischt. Er trennt nicht klar zwischen Jahreszeiten, Sonneneinwirkung und der Bedeutung der Planeten und Zeichen, ein Umstand, der deutlich zeigt, dass er Astrologie als "Naturwerk" verstanden haben wollte. Hierdurch zeichnet sich ein Bruch mit der Götterverehrung der Babylonier ab. Ptolemäus versuchte sich abzugrenzen von Kritikern wie Cicero, die die Astrologie als heidnischen Kult verurteilten und versuchte die Astrologie auf "solide und natürliche" Grundlagen zu stellen (vgl. auch Nicholas Campion, "History of Western Astrology. The Ancient World, Vol. 1).

  • These: So ein Anfang lässt sich ja nicht immer finden, sondern mögliche "Anfänge". Selbst die Geburt lässt sich nicht auf die Sekunde genau festnageln, je nachdem, was man als "Geburt" definiert".


Cornelius geht basierend auf den Annahmen von Ptolemäus auf die Frage ein, warum Radix-Horoskope, die sich hinterher als "falsch" herausstellen, trotzdem funktionieren. Es hat damit zu tun, dass auch das falsche Radixhoroskop, das auf der Bildfläche des Kollektivs (z.B. im Falle von VIP-Horoskopen) erscheint, genau die Energien widerspiegelt, die das Kollektiv (unbewusst) sieht bzw. sehen will oder aber: unbewusst heraufbeschwört. So im Falle der Prinzessin Diana: hier kursieren zwei Versionen ihres Radix, beide erschienen der Öffentlichkeit, und beide funktionieren nach den Aussagen vieler Astrologen.

Umgemünzt auf Geburtszeitkorrekturen kann das Folgendes heißen:

Wenn man einem Klienten die Geburtszeit korrigiert, die eindeutig stimmig erscheint, so kann dies im entsprechenden Kontext mit dem Klienten auch wahr sein. Denn man selbst und der Klient bilden in dem Moment stets eine Einheit, einen gemeinsamen Deutungszusammenhang, in dem man reziprok verwoben ist (was von vielen auch übersehen wird: der Astrologe bildet stets eine Einheit mit dem Kontextgeschehen, das sich nur ihm als aktiv Teilnehmender in einmaliger Art und Weise offenbart; der Astrologe beeinflusst mit seiner Haltung und seinem Verständnis das Geschehen stets mit). Das heißt, die so ermittelte "richtige" Geburtszeit kann in den einem Kontext und mit dem eigenen astrologischen Repertoire auch richtig sein. Geht der Klient jedoch zu einem anderen Astrologen, so bildet sich ein neuer Verstehenskontext heraus und der neue Astrologe, der eine andere Geburtszeit ermittelt, hat mit seinen Aussagen dann u.U. genauso recht.

Das heißt in weiterer Folge, dass wir mit den Horoskopen keinen objektiven Tatbestand erfassen, sondern stets das, was wir mit unserem (gemeinsamen) Bewusstsein (mit-)erschaffen. Doch man muss vorsichtig sein: das heißt nicht, dass es keine Regeln mehr gibt und alles möglich ist, und man z.B. der Lady Diana jede x-beliebige Geburtszeit andichten kann. Es muss schon von seiner Erscheinung her "natürlich" sein, "echt" sein. Es muss sich von selbst aufdrängen, entwickeln, nicht künstlich herbeigeführt. Der Entdeckungszusammenhang ist entscheidend - eine Voraussetzung, die jeder empirischen Wissenschaft widerspricht, die darauf abzielt, objektive, vom Subjekt getrennte Wahrheiten zu finden (vgl. kritischer Rationalismus, Popper).

Es entspricht auch der seltsamen Erfahrung, dass einen die Horoskope "an der Nase herumführen" und sie einen immer mit genau der Information füttern, die man intuitiv ohnehin schon erwartet oder implizit vorausgesetzt hatte.

Das kann auch der Grund sein, warum die Hamburger-Planeten zu funktionieren scheinen: verlässt man den naturwissenschaftlichen Rahmen von Ptolemäus (und sein Dogma des absoluten Beginns, der objektiv festzustellen ist), Aristoteles und dem Stoizismus und wechselt in das Paradigma der Divination, der Phänomenologie, dann werden auch solche Phänomene möglich. Und es zeigt sich, dass die Astrologie, extrem gesprochen, auch ohne Planeten funktioniert. Man darf sich nicht von der Tatsache blenden lassen, dass die Astrologie die Planeten als Projektionsfläche für Dinge benutzt, die in Wahrheit in unserem Bewusstsein stattfinden. Hat man das erstmal verstanden, eröffnen sich in der Astrologie völlig neue Möglichkeiten.

In Bezug auf die Geburtsastrologie spricht Cornelius weiterhin von "Takes", also wie in der Filmproduktion. Die Geburt stellt einen solchen "Take" dar. Verlässt man das Framework von Ptolemäus, das sich naturwissenschaftlich am physischen Beginn orientiert, und begreift das Horoskop als einen "Take", dessen Bedeutung sich aus den Umständen seiner Erscheinung definiert, so braucht es für ein gültiges Radix nicht immer einen bekannten ersten Anfang. Und zwar deshalb nicht, weil das Horoskop nicht mehr als Messinstrument einer empirischen Sachverhaltes verstanden wird, sondern als ein "Take", dessen Bedeutsamkeit sich mir (uns) aufdrängt und mir (uns) zeigt. Der rückbezügliche Verweis auf das "mir" oder "uns" zeigt schon in seiner Natur, dass es dazu ein Bewusstsein braucht, dem es als bedeutsam erscheinen kann und es auch tut. Es wird deutlich, dass die Bedeutung des "Takes" sich nur in der Verbindung mit Welt offenbart (vgl. Heidegger).

So gesehen muss auch rekonstruiert werden, was das Radix eigentlich phänomenologisch "ist". Wir messen dem physischen "in die Welt treten" eine große Bedeutung zu. Die Geburt ist der Moment, in dem wir zum ersten Mal physisch anderen Menschen gegenüber in Erscheinung treten, sie uns als eigenständiges Wesen wahrnehmen. In diesem Prozess können wir uns selbst wiederum verorten, unsere reflexive Begegnung mit Welt beginnt nun. Dieser Bedeutungszusammenhang ist aber nicht "natürlich gegeben" und wird durch das Radix empirisch abgebildet, sondern er wird durch unser aller Bewusstsein in Referenz auf diesen Augenblick in die Bedeutsamkeit gehoben. D.h., wir entdecken nicht das Radix, sondern konstruieren es als Tatsache und Spiegel zugleich.

Und mehr sagt ein Radix somit auch nicht aus. Es ist ein Abbild dessen, wie wir der Welt um uns herum begegnen bzw. wie sie uns begegnet, und zwar immer im Sinne eines "in die Welt treten" (weshalb ich explizit mich dagegen verwehre, ein Radix für allerlei x-beliebige Diagnosen im Bereich Geld, Beruf und Partnerschaft heranzuziehen...). Weiters muss dabei bedacht werden, welche Grundannahmen dem astrologischen System selbst zu Grunde liegen, vor deren Hintergrund dieses "in die Welt treten" verstanden wird. Sinnverstehen geschieht ja nicht von selbst, sondern immer mit Werten, Vorannahmen oder Weltanschauungen. Es braucht einen "archimedischen Punkt", von dem aus das Verstehen stattfinden kann.

Und hier hat die zeitgenössische Astrologie ein theoretisches Problem. Die Astrologie ist säkularisiert, getrennt von Religion, Magie, Alchemie, Philosophie - Bereiche, von denen sie von der Antike bis ins späte Mittelalter ein elementarer Bestandteil war. Die Astrologie wurde im Zuge der Moderne versucht als empirische Wissenschaft abzutrennen und von allerlei "Aberglauben" zu befreien, allen voran durch die Entwicklungen der Renaissance (Descartes, Newton, Kopernikus usw.). Diese Entwicklung führte zu einer erneuten Rückkehr zu den Wurzeln von Ptolemäus (vgl. Nicholas Campion, "History of Western Astrology. The Modern West"; Vol. 2).

Die Astrologie heute im 21. Jh. wird als Folge dieser Entwicklungen als psychologisiertes Instrument verwendet, überfrachtet mit tiefenpsychologischen Deutungen, um sie in den heutigen Zeitgeist zu retten. Konzepte wie das Prinzip der Synchronizität, das a-kausale Zusammenhänge erklären soll (und somit indirekt wieder einem mechanischen Kausalverständnis die Türen öffnet), holen sich wieder das empirische Paradigma ins Haus.

Ich denke, es wird für die Astrologie nie ein einheitliches Framework geben, so viel steht fest, denn der Streit geht zurück bis in die Antike. Wir können aber auch nicht wieder in die Jungsteinzeit zurückfallen und auch nicht versuchen, uns auf ein einziges Framework zu einigen, da es nicht seriös wäre.

Aber ich glaube, wer sich mit Astrologie auseinandersetzt, muss sich im Klaren darüber sein, welche Weltanschauung er damit bedient. Sie nur als rechnerisches, empirisches Phänomen zu verstehen, das säkular von jeglicher Weltanschauung betrieben werden kann, öffnet allerlei Humbug Tür und Tor.

  • Einwand: Wobei die moderne Naturwissenschaft beieibe nicht mehr nur mechanisch ist, auch wenn es oft so scheint.


Die modere Wissenschaft ist nicht mehr so mechanisch, das stimmt. Aber bis das im Mainstream wirklich ankommt, wird es noch dauern. Wenn man sich Serien wie "The Big Bang Theory" anschaut, die in gewisser Weise den Zeitgeist widerspiegeln, so finden sich hier keine Geisteswissenschafter, nur Naturwissenschafter. Geisteswissenschafter werden meist nur am Rande erwähnt, wenn überhaupt, und mit wenig Bedeutsamkeit versehen. Die "harte Naturwissenschaft" ist, formuliert man es provokant, die "Prostituierte" von Politik und Wirtschaft. Alles, was sich ihrer Legitimation entzieht und somit nicht in Techniken zur Produktivitätssteigerung überführbar ist, wird als bedeutungslos an den Rand gedrängt (vgl. Roy Willis & Patrick Curry, "Astrology, Science and Culture: Pulling down the Moon").

Liebe Grüße,

Astro26

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Die Geburtsastrologie und das Dogma des "Beginns"

Beitrag von vergnuegt »

Lieber Astro26, :)
Das Geburtshoroskop wird auf den ersten Atemzug erstellt, hier ist es also ein biologisches Moment, ab dem das eigenständigen Leben des geborenen Menschen "objektiv" beginnt. Hier zeigen sich bereits Prämissen eines naturwissenschaftlichen Denkens, nach dem es einen objektiven Beginn stets festzustellen gibt.
Es gibt ja durchaus Spielarten der Astrologie, die wir unter "esoterische Astrologie" zusammenfassen können. Dazu gehört z. B. das Mondknotenhoroskop der HUBER-Schule, das vergangene Inkarnationen (Probleme) anzeigen soll. Eine interessante Idee, mir aber im Moment (von der Technik) nicht eingängig - zumindest verstehe ich es nicht ganz. :)

Eine weitere "Entwicklung"/"Neuentdeckung" sind Neumondhoroskope. Der Neumond vor der Geburt wird als Beginn des (ungeborenen Lebens) gedeutet. Bekannt wurde diese Technik von Dane RUDHYAR (zusammen mit Leyla Rael-Rudhyar): Der Sonne/Mond-Zyklus. Ein Schlüssel zum Verständnis der Persönlichkeit, Edition Astrodata, 1994. J. Claude WEISS, der Begründer von Astrodata, hat in seinem Buch "Karmische Horoskopanalyse. Band II" diese Idee aufgegriffen und weiterentwickelt (2016 ist von ihm ein Buch mit dem Titel Warum wir uns inkarnieren. Das Geheimnis des karmischen Neumonds erschienen).

Man kann jetzt diesem Karmagedanken folgen oder auch nicht. wenn wir ihm nicht folgen, dann schreiben wir dem ungeborenen Kind gewisse Fähigkeiten zum Erleben zu (was naturwissenschaftlich vermutlich nicht abwegig ist).
Cornelius geht basierend auf den Annahmen von Ptolemäus auf die Frage ein, warum Radix-Horoskope, die sich hinterher als "falsch" herausstellen, trotzdem funktionieren. Es hat damit zu tun, dass auch das falsche Radixhoroskop, das auf der Bildfläche des Kollektivs (z.B. im Falle von VIP-Horoskopen) erscheint, genau die Energien widerspiegelt, die das Kollektiv (unbewusst) sieht bzw. sehen will oder aber: unbewusst heraufbeschwört. So im Falle der Prinzessin Diana: hier kursieren zwei Versionen ihres Radix, beide erschienen der Öffentlichkeit, und beide funktionieren nach den Aussagen vieler Astrologen.
Interessanterweise bringt WEISS in der Karmischen Horoskopanalyse II genau das Beispiel von Diana, mit einer Geburtszeit von 14:00 Uhr. Bekanntlich steht ihre Sonne im Krebs in H9.

Das Neumondhoroskop ist ein "Gruppenhoroskop", berechnet auf den letzten Neumond, also die der Geburt vorangehende Konjunktion von Sonne und Mond. Diese war am 13.06.1961 um 5.17 Uhr. Sonne und Mond stehen in Konjuktion in den Zwillingen.

Neumondhoroskop: Sonne in den Zwillingen
Radixhoroskop: Sonne im Krebs

WEISS interpretiert das so: der karmische Lebensentwurf ist auf viele Reisen und Austausch ausgerichtet (Zwillinge), die konkrete Lebenssituation bedeutet familiäre Verpflichtungen (Krebs). Wenn die Sonne im vorgeburtlichen Neumondhoroskop im gleichen Zeichen steht wie im Radix, dann gibt es hier keine "Widersprüchlichkeit".

Wenn wir es nicht karmisch sehen wollen, dann könnte man bei den zwei unterschiedlichen Sonnenstellungen auch von "zwei Seelen in der Brust" sprechen. Aber hier gilt natürlich: akzeptiere ich ein solches Modell überhaupt, "glaube" ich an Neumondhoroskope als Zusatzinformationen (die sich natürlich noch viel differenzierter beurteilen lassen) oder halte ich es für Quatsch?

Wer hier etwas experimentieren will, der findet alles z.B. in Astroplus.

http://www.astrologie.space/viewtopic.php?f=6&t=586&sid=3ae8d4660c56efaa29812092e5379c49
Hier hat Cazimi (DANKE!!! :anbet:) gezeigt, wie wir den vorgeburtlichen Neumond (SAN) ins Horoskop einbinden können. Alternativ kann man über Berechnungen --> Neumonde, Vollmonde und Finsternisse hier sich das gesamte Neumondhoroskop ansehen und laden.

Mit Galiastro sollte das auch funktionieren (auf jeden Fall mit der Profiversion), wer hier noch andere Programme kennt, kann sie ja noch nennen.

Alles Liebe!
Stefan

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